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Juana ist zufrieden. Ihr Geschäft geht glänzend. Tagsüber kommen so gut wie alle Besucher Granadas hier vorbei und vielen verkauft sie Kastagnetten, einen
Mini-Kursus im Klappern inbegriffen. Abends dann, wenn die Touristen in ihren Bussen wieder davon gefahren sind, bleibt sie meistens noch eine Weile auf der Plaza mit dem schönsten Blick auf die Alhambra sitzen. Nur
wenige Touristen und ein paar verträumte Liebespaare leisten ihr Gesellschaft. Es ist die Stunde, in der Granadas geschäftiger Puls zur Ruhe kommt. Juana genießt diese Momente, weil sie etwas magisches haben. Etwas,
das sie an das andere Granada erinnert. Das Granada, das fast verschwunden ist und das es gab, als noch nicht alle Welt die Alhambra sehen wollte. Wer es erleben will, muss heute zwischen den Zeilen lesen können.
Muss für Orte und Momente wachsam sein, in denen es sich - manchmal sogar mitten im touristischen Getümmel - zeigt. Es ist dieser ganz besonderer Charme, den Orte wie das Viertel um die Markthalle herum
morgens um halb zehn ausstrahlen. Obwohl auch dieser Teil der Stadt sich sehr verändert hat. “Sicher, die alte Markthalle war viel schöner,” sagt Maria, die ihren Fischstand auch früher schon hier hatte, “aber
das Dach war marode...Und der Neubau?
Na, Sie sehen es ja. Aber was soll man machen, wenn es den Herren Architekten so gefällt?...Uns fragt ja keiner” schimpft sie vor sich hin. Die Händler mit ihren kleinen Ständen draußen vor der reichlich steril geratenen Markthalle retten die alte heitere Geschäftigkeit in die moderne Zeit. Das ist gut so, denn in Granada lebt man im “barrio”, im Viertel. Es ist wichtig, jeden Morgen den Barmann zu begrüßen, der einem die “tostada”, das geröstete Brot, hinstellt. Was für ein Elend, wenn man die Nachbarn nicht mehr kennen würde. Anonymität ist hier nach wie vor ein Fremdwort. Solange der Tourismus sich nicht überall ausbreitet, werden die Menschen weiter in der Innenstadt wohnen und sie lebendig halten. Noch ist es einfach den Besucherhorden aus dem Weg zu gehen. “Nein, die Touristen stören mich nicht”, erklärt Miguel, der Pensionär. “Ich gehe ein paar Straen weiter von der Kathedrale weg in den botanischen
Garten und schon bin ich ganz für mich.”
Ältere Menschen wie Miguel haben meistens überhaupt kein Auto. Wozu auch? Alles lässt sich prima zu Fuß erledigen. Und wer tut sich freiwillig die Suche nach einem Parkplatz an? “Na ja, ” meint der Großvater von vier Enkeln “die Jungen ziehen eben in die Vororte wegen der Kinder. Aber sie arbeiten hier und dann suchen sie jeden Morgen stundenlang nach einem Parkplatz. ”Von 10 bis 14 Uhr sind alle gleichzeitig auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkauf, auf jeden Fall in Richtung Zentrum unterwegs. Die Straßen sind grauenhaft verstopft und erst am Nachmittag anzureisen ist daher sicher stressfreier als am Morgen. Wer dem größten Gewühl entgehen möchte, bewegt sich ohnehin am besten etwas versetzt zum Puls der Stadt. Um drei Uhr nachmittags ein kleines, ruhiges Restaurant suchen und keine Reservierung vorweisen können hat: Pech gehabt. Es gibt keinen ruhigen Fleck um diese Zeit. Nirgends! Da ist Granada wie alle spanischen Städte. Zwischen 5 und 6 Uhr wird es ruhiger, denn die einen arbeiten wieder und die anderen halten Siesta. Ab sechs am Nachmittag geht es auch auf den Plätzen im gemäßigten Tempo weiter. Auf der Plaza Bib Rambla sieht man Leute “Churros con Chocolate” essen. Eine Köstlichkeit, die man selbst-verständlich in der traditionsreichsten Churreria Granadas genießt. Hier im Cafe Alhambra hat die Churros-Dynastie seit fast 75 Jahren den allerbesten Ruf. Granadinos machen eben keine Experimente, wenn es um die wichtigen Dinge im Leben geht. Man verlässt sich lieber erstmal auf den guten Ruf einer Familie oder eines Geschäftes. Der Nachteil dieser Traditionsverbundenheit: alle Entscheidungsmühlen mahlen langsam. So hat es fast zehn Jahre gedauert, die Plaza Nueva und das Gässchen, das zur zur Alhambra führt, vom Busverkehr zu befreien. Jetzt kann sich das bunte Gemisch von Studenten, Rucksacktouristen, jugendlichen Gauklern und Trommlern über den ganzen Platz verteilen. Den Eingesessenen ist die bunte Gesellschaft der “pelugos”, der Langhaarigen nicht gerade willkommen, aber man hat sich an ihren Anblick mittlerweile gewöhnt. Nebenan am anderen Ende der Plaza feiert ungestört eine ehrenwerte, elegante Hochzeitsgesellschaft. Den letzten Pulsanstieg verzeichnet die Stadt mit Büroschluss. Man trifft sich mit Kollegen auf eine Copa und bespricht den Tag und abendliche Unternehmungen. Aber bis gegen 21:00 Uhr kann man seine Tapas durchaus ohne großen Trubel verspeisen. Danach wird es in den Bars sehr schnell laut und voll. Krach, laute Musik und genervte Kellner sind den Granadinos dabei völlig egal. Überhaupt nicht egal ist ihnen allerdings der Unterschied zwischen guten und schlechten Tapas. Schließlich riskiert jeder, der Freunde in die falschen Tapa- Bars geführt hat, eine Blamage. Für Paquita, Herrin der Kochtöpfe im Meson Antonio, ist es außerdem blamabel “wenn man für schlechte Tapas zu viel Geld verlangt.” Dass es auch anders geht, beweist sie jeden Tag in ihrer kleinen Küche, in der sie so wunderbare Gerichte zaubert wie “Medallones de cerdo con salsa agridulce”. Gar nicht zu reden vom “Mousse de Chirimoya”, das niemand in Granada so zubereitet wie Paquita. Und alles zu vernünftigen Preisen. “Am Abend ist es bei uns ruhiger”, sagt sie, “die Leute essen nicht im Restaurant sondern nur ein paar Tapas auf dem Weg ins Kino.” Bei kulturellen Veranstaltungen, die großen Festivals ausgenommen, sind Granadinos unter sich. Das erklärt auch, warum es so schwierig ist, Spielpläne und Termine zu erfragen. Am ehesten kann man sich auf die Zeitung verlassen. Spontane Entscheidungsfähigkeit ist deshalb bei der Suche nach kulturellen Höhepunkten auf jeden Fall gefordert, denn die Veranstaltungen werden sehr kurzfristig angekündigt. Flamenco, die Kunst, die ohne viele Worte auskommt, wird das ganze Jahr über in den “Tablaos” angeboten. “Da bekommst du nur ganz selten den wahren Duende zu sehen,” warnt Diego, Kenner der Szene. “Die guten Veranstaltungen sind sehr, sehr selten. Und erwarte nicht, dass es um 22:00 Uhr wie angekündigt los geht. Realistisch sind zwei Stunden später. Bis dahin wird gefachsimpelt über den Duende, den Geist, die Seele des Flamenco.” Das Warten lohnt sich, denn wem einmal der mystische Dämon des Flamenco unter die Haut gefahren ist wird das niemals vergessen. Flamenco ist nicht gefällig, wollte es noch niemals sein. Dort wo er herausgeputzt und mit pittoresker Raffinesse daher kommt hat der Duende die Flucht ergriffen. Ein Tänzer oder Sänger hat es ganz allein in der Hand, den Zuschauer mit seiner Darbietung zu berühren und ihn am Duende, dem Geist des Flamenco, teilnehmen zu lassen.Wenn er es schafft, ist das einer der Augenblicke, in dem der Besucher jenes andere Granada spürt. Und eigentlich sogar die Seele Andalusiens.
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