1. Einführung
In einer scheinbar religionslosen Gegenwart ist in vielen menschlichen
Handlungen, in Personen und Geschehnissen, in Kämpfen, Zweifeln, Fragen und Aufbrüchen eine große religiöse Sehnsucht wahrnehmbar. Es ist eine Sehnsucht, die Christen seit 2000 Jahren in Atem hält.
Sie wird von offenen Fragen verursacht. Fragen, die der Mensch niemals aufhören wird zu stellen. Fragen nach dem Sinn seiner Existenz, nach dem
Woher und Wohin, nach dem, was wirklich wichtig ist. Wenn der Mensch sich auf die Suche nach Antworten macht, befindet er sich auch heute noch von einer
Minute zur anderen in einem Ozean. In einem Meer uralter religiöser Möglichkeiten, spiritueller Erfahrungen, Vermutungen und Hinweise. Eine Grenze wird überschritten.
Wer sich auf die Reise durch die Glaubenswelt einer 2000jährigen Geschichte macht, stößt auf sehr unterschiedliche Erfahrungen. Aber der moderne Suchende
kann in den Leben der Vorangegangen die Antworten auf seine uralte Frage nach dem Sinn seiner Existenz erkennen.
Welten scheinen zwischen der radikal erneuernden Sicht eines Martin Luther und
der visionären Perspektive einer Hildegard von Bingen zu liegen, und doch treffen sich beide im Kern einer intensiven Begegnung mit sich selbst und Gott. In
der Fülle einer mehr als 60 Generationen umfassenden christlichen Geschichte gibt es zahllose Ketzer und Fromme, die aus großer Sehnsucht gegen
dogmatische Verhärtung und modische Veräusserlichung neue Antworten für sich und für andere fanden. Manche entwickelten kraftvolle Gedanken und waren
unverwechselbare Individuen mit Schwächen und Fehlern, Vorzügen und genialen Begabungen. Manche wurden Lichtgestalten für ihre Zeitgenossen und
manche entwickelten ihr erhellendes Licht für die Glaubenswelt erst in den nachfolgenden Jahrhunderten. Dass wir sie heute noch wahrnehmen, hat mit ihrer
Fähigkeit zu tun, durch ein tiefes Glaubenswissen Antworten zu liefern.
2. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft
Für die moderne Suche nach Sinn und Klarheit in einer ratlosen Welt steht
beispielhaft die Verbindung vieler tausend Jugendlicher mit der ökumenischen Brudergemeinschaft von Taizé. Sie kann Antworten geben, wo andere Befragte den Jugendlichen keine Hilfe sind.
Von einem kleinen Dorf in Burgund erzählen sich Jugendliche in der ganzen Welt. Hierher nach Taizé pilgern sie per Autostop, per Bahn, einzeln und in Gruppen.
Sie kommen, weil sie gehört haben, dass hier alles ganz anders sei, dass man eine Veränderung gleich vom ersten Moment an spüre. Die Jugendlichen lassen
eine Welt hinter sich, die ihnen oberflächlich scheint und sich in ihrer Komplexität oft nicht mehr begreifen lässt. Verunsicherung, Existenz- und Zukunftsängste
(woher soll das Vertrauen in die Zukunft kommen? Wo stehe ich in all dem? Was ergibt wirklichen Sinn? Was ist wirklich wichtig?). lassen Fragen nach Gott
entstehen. Aber: Glaubensfragen sind zur Privatsache geworden und werden nicht mehr öffentlich diskutiert. Wer ist also dann zuständig für die spirituelle
Begleitung derer, die “im Glauben ausgetrocknet” sind? Was kann sie zurückholen in eine Glaubensmitte?
Man tritt zur Reise ins innere Abenteuer mit kleinem Gepäck an. Dem Nötigsten
halt: Rucksack und Bibel. Eines ist sofort klar: dies wird keine oberflächliche Veranstaltung. Die Tagesordnung ist klar gegliedert durch Essens-, Gebets- und
Bibeleinführungszeiten. Fernseher gibt es nicht, Kino und Disco liegen außerhalb der Reichweite. Zelte und einfache Unterkünfte werden für eine Woche ausreichen müssen. Die Einfachheit ist Programm in Taizé.
Aber niemand vermisst das alles. Schließlich gibt es ganz andere spannende Erfahrungen zu machen.
4000 Menschen – eine Massenveranstaltung. Und nirgends entsteht Stress oder
Hektik. 4000 Menschen werden eine Woche lang gemeinsam essen, in der Kirche dreimal am Tag beten und singen und danach zu Gesprächen zusammensitzen. Wer die Bibeleinführung besucht, erlebt, wie Jugendliche
vertieft und aufmerksam zuhören und Notizen machen. Die Worte des Bruders der Communauté scheinen wie Wassertropfen auf den Wüstensand zu fallen.
Das Gesagte strahlt den Reiz des Unentdeckten, des Neuen und Belebenden aus. Der Bruder erklärt Sätze aus dem Evangelium und diese Sätze scheinen
die Jugendlichen im Innersten zu erreichen. Die Diskussion nach der Zusammenkunft ist jedenfalls rege und nicht nur, weil in mehrere Sprachen
übersetzt wird. Man setzt sich auseinander, weil jeder mit seinen Fragen und Zweifeln im Gepäck angereist ist. Hier gibt es die Chance, sie auszupacken. Mit
Kirche, so erzählen viele, hätten sie nichts am Hut. Zuhause ständen sie deshalb alleine da mit ihren Fragen nach Gott. Es gibt niemanden in ihrem Umfeld, der zu
diesem Thema etwas zu sagen weiß oder sich die Zeit nimmt zuzuhören. Die 80 Brüder der Communauté haben sich genau das jedoch zur Aufgabe gemacht:
zuhören. Sie wissen, dass es daran mangelt für die Jugendlichen. Nicht an materiellen Dingen fehlt es ihnen, sondern an seelischer Kraft.
Die Frage, ob man die Kirche zum Gebet besucht oder nicht, wird hier in Taizé nicht gestellt. Alle gehen. Schließlich will niemand die Momente verpassen, in
denen man sich als Teil dieser 4000 Menschen großen Gemeinschaft fühlt. Die einfache, klare Liturgie erleichtert es jedem, teilzunehmen. Man kommt zur Ruhe.
Jeder auf seine Weise. Mitsingen oder zuhören, die Augen öffnen oder schließen, es gibt keine Norm. Die Gesänge und kurzen Bibeltexte erzeugen
eine mystische Stimmung. Zehn Minuten wird geschwiegen. Stille, dasitzen, nachdenken und da sein vor Gott. Ein Form der Begegnung mit der Welt, die so
selten spürbar geworden ist im Leben der Jugendlichen. Es ist eine einfache Wahrheit, die Frére Roger vermittelt und sie wird auch für die zugänglich, die
keine Meditationsexperten sind: “Gott liebt dich! Wir müssen begreifen, dass Gott immer und überall mit jedem von uns verbunden ist – ob wir das begreifen
können oder nicht. Selbst, wenn wir Gott vergessen, erwartet er uns. Er verlässt uns nie.” Diese Wahrheit hüllt ein, beschützt und trägt die Teilnehmer in Taizé und
über Taizé hinaus. Zuhause werden die Gesänge und das Gefühl des Geborgenseins wird in den Seelen vieler Besucher nachklingende. Die Quellen
des Glaubens wieder spürbar machen, das ist das Ziel, das Frére Roger und seine Mitbrüder anbieten wollen für alle, die hierher kommen. Mit einer neuen
Klarheit im Gepäck sollen sie zurückreisen und in ihren Gemeinden anfangen, das Erfahrene umzusetzen. Ein bisschen wie Jesus fühle sie sich, sagt eines der
Mädchen. Und, dass sie trotzdem auch in ein Loch gefallen sei als sie das letzte Mal von Taizé nach Hause kam. Weil die Welt ihr so schlecht vorgekommen sei.
Aber dann hätte sie sich vorgenommen wieder einmal nach Taizé zu fahren.
3. Die besondere Gemeinschaft - Ort der Klarheit
Taizé ist eine Gemeinschaft, die entstand, als der zweite Weltkrieg Menschen
flüchten ließ und Frére Roger sie aufnahm. Mit dem wenigen, das es zu teilen gab, versorgten seine Schwester und er die Flüchtlinge. Es wurde seine Lebensaufgabe, anderen eine Zuflucht zu bieten.
Die Gemeinschaft wuchs und heute gehören ihr Brüder aus mehr als 60 Nationen an, die aus den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen kommen. Es gibt
Brüder, die in den armen Ländern der Welt zu helfen versuchen und die, die hier in Taizé für das Auskommen der Gemeinschaft sorgen und für die Jugendlichen
da sind. Spenden werden nicht angenommen. Die Communauté will unabhängig sein.
Frére Roger versteht sich in der Nachfolge der apostolischen Gemeinschaft. Das
Leben ohne eigenen Besitz, ehelos und dem Evangelium verpflichtet war zu allen Zeiten in der 2000 jährigen Christengeschichte eine Form, durch die Frömmigkeit gelebt wurde. Immer wieder waren die monastischen
Lebensformen auch Antwort auf die organisierte Macht der Kirche. Viel entscheidende Reformen nahmen ihren Anfang im Denken hinter Klostermauern und veränderten von dort aus die Glaubenswelt.
Taizé liegt nicht nur räumlich nah bei Cluny und Citeaux. Der Tradition der beiden Zentren mittelalterlichen Klosterlebens und der Erneuerung fühlt Frére Roger sich
zutiefst verpflichtet. Das Leben Christi und das Evangelium glaubhaft machen und durch gelebten Glauben nachspüren wollten die geistlichen Väter beider Orte
Benedikt von Nursia und Bernhard von Clairvaux. Sie stehen für das, was Klöster über viele Jahrhunderte bis heute leisten: Seelsorge, Kontemplation und
Selbstheilung. Aber sie stehen auch für die Forderung nach einer unverstellten Nachfolge Christi. Bernhard von Clairvaux wurde niemals müde, sie einzufordern
und seiner Kirche durch sein Leben und Wirken Beispiel und Mahner zu sein. Die Tradition von Citeaux ist eine der ältesten in Europa. Die Kargheit und Klarheit
des Zisterzienserordens überzeugt noch immer viele, den Weg des Mönchslebens zu wählen. Sie scheinen von der großen Sehnsucht beseelt, die
auch Bernard von Clairvaux antrieb. Die große Gestalt des Mittelalters, geistliche Instanz seiner Zeit, wollte die Ordensregel auf dem einfachsten und geradesten
Weg erfüllen. Durch die Schlichtheit der Liturgie und der Kirchenbauten nahm seine Glaubenshaltung Gestalt an und eine innere Überzeugung wurde so
sichtbar gemacht. Citeaux folgt in seiner Architektur der radikalen und puristischen Lebensweise seiner Bewohner.
4. Die Waldenser – Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit
A. Gegenwart der Waldenserbewegung
Für die Bewohner des kleinen Piedmontesischen Städtchens Torre Pellice sind
Krankenhaus, Altersheim und Sozialstation selbstverständlich. Keinesfalls selbstverständlich im überwiegend katholischen Italien ist jedoch, dass die
Trägerschaft bei einer nichtkatholischen Gemeinschaft liegt. Viele Waldenser nehmen in ihren Gemeinden soziale Pflichten aus einer Glaubenshaltung wahr,
die sich den Armen und den sozial Benachteiligten verpflichtet fühlt. 21 000 Waldenser leben heute in in ganz Italien. Die Organisation ihrer Kirche ist
übersichtlich geblieben, sie wird von einem Kern der im waldensischen Sinn aktiven Familien gebildet. Sie haben nicht nur ein organisatorisches sondern
auch ein kulturelles Netzwerk von Einrichtungen gebildet. “Agape”, eine nach dem Krieg gegründete waldensische Initiative ist eine solche Einrichtung.
Politische Einmischung und die Anregung von Diskussionen gehört genauso zum waldensischen Selbstverständnis wie Begegnungsstätten für Jugendliche zu
unterhalten.So setzt sich Waldensisches Denken in modernen gesellschaftlichen Zusammenhängen fort.
B Waldensische Wurzeln
In den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts bricht ein Mann namens Valdes auf, um
gegen ein unheilvolles Bündnis der Kirche mit der politischen Macht das Zeichen einer ohnmächtigen und sozial orientierten Frömmigkeit zu setzen. Der
wohlhabende Kaufmann sichert das Auskommen für seine Familie, verkauft seinen restlichen Besitz und beginnt in seiner Heimatstadt Lyon, auf den
Strassen zu predigen. Damit verstoßen er und seine schnell gewachsene Anhängerschaft gegen die Vorschrift der katholischen Kirche, die das Laienpredigen verbietet. Darüber hinaus dürfen in der waldensischen
Gemeinschaft auch Frauen das Evangelium verkünden und religiöse Handlungen wie das Spenden von Sakramenten vornehmen.
Der Zeitgenosse Burchard von Ursberg erbost sich: “Beschämend ist an Ihnen,
dass Männer und Frauen gemeinsam des Weges ziehen, häufig gemeinsam in einem Haus übernachten und – wie es heißt – zuweilen das Lager teilen; und all
das - so schwören sie - sei Ihnen von den Aposteln empfohlen worden. ”Freiwillige Armut annehmen, in der Nachfolge Christi und der Apostel das
Evangelium leben und predigen – der Konflikt mit der Kirche ist programmiert durch diesen Anspruch. Zwar versucht Valdes im April 1179 während des 5.
Laterankonzils die Anerkennung der Kirche zu erreichen, aber 1184 erfolgt die Exkommunikation durch Papst Lucius III.. Die Begründung: Anmaßung des
Apostelamtes. Die Ausweisung aus der Diözese Lyon folgt umgehend.
Die Gemeinschaft gerät danach in den Strudel von Auseinandersetzungen und
Spaltungen. Einige wählen den Weg zurück in die Kirche, andere beschreiten den immer schwerer werdenden Weg außerhalb der Kirche. Abgestempelt als
Häretiker stehen sie außerhalb der Kirche und das Leben in Angst, Heimlichkeit und Verfolgung beginnt. Die Liste der Ausweisungserlaße wird immer länger.
Trotz der Verfolgung durch den Klerus versuchen Waldensern und Kirche durch Dispute den Dialog aufrecht zu erhalten. Aber aus den Aufzeichnungen des
Klerus lässt sich erkennen, wie die Waldenser der Kirche immer deutlicher den Gehorsam verweigern. Die Weigerung, irgendeine Art von Eid zu schwören, die
Ablehnung des Totenkultes, des Fegefeuers und der Kirchengebäude – offene Provokationen für den Klerus. Ungeachtet dessen breitet sich das Wanderpredigertum immer weiter in Europa aus. Die Wanderprediger bilden
das Rückrat der Bewegung. Unverheiratet und in Armut lebend, als Kaufleute getarnt ziehen sie von Gemeinde zu Gemeinde. Sie finden ihre Zuhörerschaft bei
Handwerkern, Bauern und vor allem bei vielen Frauen. Sie sehen die Bibel als einzige Autorität und wollen der Bergpredikt Jesu wortgetreu folgen. Sie kennen
keine Bischofshierarchie, wie die Katharer, die zur gleichen Zeit schon eine mächtige, in Diözesen eingeteilte Gegenkirche gebildet haben. Die
Vertreibungen und Verfolgungen dauern Jahrhunderte an. Als Hexen verleumdet und gefoltert verbrennen ungezählte Waldenser im 14. und 15. Jahrhundert auf
den Scheiterhaufen der Inquisition. Sie weichen aus in unzugängliche Gegenden wie den Cottischen Alpen zwischen Grenoble und Turin. Die letzten Reste der
“Armen Christi” schließen sich 1632 der Reformation an und es gelingt, eine eigene kleine, reformierte Kirche zu bilden mit Pfarrern statt Wanderpredigern.
Seit 1848, nach dem Erhalt der bürgerlichen Freiheit, breitet sich die Waldenserkirche schließlich über ganz Italien aus.Die achthundertjährige Odyssee der Frommen hat ein Ende.
Das Erbe der Verfolgten ist das gleiche wie das der von den Römern verfolgten Anhänger Jesu: Ohne umzukehren dem Wort Gottes, der Bibel die Treue halten
und die besondere Verpflichtung der Bergpredikt leben und nötigenfalls dafür zu sterben. Waldenser können während ihres sozialen und gesellschaftspolitischen
Engagement auf eine lange Tradition in ungebrochenem Glauben zurückblicken.
5. Die Suche nach dem göttlichen Prinzip
Eine Frau, deren Licht neun Jahrhunderte überdauerte, obwohl sie niemals offiziell zur Heiligen erklärt wurde, beeindruckt Menschen, die den Disibodenberg
bei Odernheim am Glan besuchen. Die Ruinen stammen aus der Zeit, in der Europa im tiefen Dunkel zu verschwinden drohte. Es ist die Zeit der Kreuzzüge,
der blutigen Auseinandersetzungen, der Krankheiten und des Elends. Man fürchtet, das jüngste Gericht und dass die Welt im Feuer der Hölle untergehen könnte.
Es ist die Zeit der ersten Milleniumwende, in der Hildegard von Bingen als Benediktinernonne hier lebt. Sehr jung wird sie von ihren Eltern auf dem
Disibodenberg der Obhut der Klausnerin Jutta von Sponheim übergeben. Ihr Leben hinter den Klostermauern scheint vorgegeben. Wie konnte dennoch aus
dieser Frau des 12. Jahrhunderts eine Prophetin werden, die sich ins politische Geschehen ihrer Zeit vehement und kritisch einmischte. Ihr Interesse, ihre
Neugier und Sehnsucht gilt viele Jahre lang allen Vorgängen der Natur. Der Suche nach den Gesetzen, die in der Schöpfung wirksam sind, geht Hildegard in
der ungestörten Abgeschlossenheit der Klostermauern nach. Sie findet dadurch Möglichkeiten, durch Heilmittel das Elend der Kranken im Klosterhospiz zu
lindern. Ihre Aufzeichnungen werden über viele Jahrhunderte hinweg als Hildegard-Literatur bekannt bleiben. Bis heute. Aber Hildegard von Bingen bleibt
nicht stehen bei der einfachen Dokumentation des Gesehenen und Beobachteten. Sie beginnt, das Ganze zu suchen. Die Ordnung, die hinter all dem stecken muss. Das göttliche Prinzip des Kosmos. Viele Jahrhunderte
später, in der Renaissance wird die Betrachtung des kosmischen Weltbildes die Menschen immer noch und mehr denn je in Atem halten. Für Hildegard beginnt
mit dieser Art der Suche eine Grenzüberschreitung. Ihre Wahrnehmung dehnt sich aus auf eine Welt des nicht mehr Sichtbaren. Auf das Numinose. Auf das,
was sie bei der Betrachtung der Natur empfindet und was sie schon von Jugend an als den geheimnisvollen Hauch, der sie umweht, spürt. Als Frau eigentlich zum
Schweigen verdammt, lässt sie die Vermutung, dass alles irgendwie auf geheimnisvolle Weise zusammenhängt, nicht zur Ruhe kommen. In Gebeten und
durch tiefe Versenkung in den Dialog mit Gott fragt sie aber auch angstvoll nach dem richtigen Weg. Soll sie öffentlich machen, was sie erkennt? Soll sie sich
dadurch der Gefahr aussetzen, als falsche Prophetin auf dem Scheiterhaufen zu enden? Ist all das nicht ungeheuerlich und kommt vom Teufel? Eine Antwort und
Ermutigung erreicht sie schließlich durch den Papst selbst und durch den “Wachhund” aller Frömmigkeit Bernhard von Clairvaux. Beide fordern sie auf, zu
sprechen und die Äbtissin versucht von da an, ihre Visionen in Worte zu fassen. Sie findet sogar - durch ihre inneren Ahnungen gestärkt - den Mut, auch in
weltlichen Dingen Ungewöhnliches zu tun. Gegen den vor allem pekuniär motivierten Widerstand ihres Abtes gründet sie ein eigenes Kloster. Unter
großen Mühen und Risiken verwirklicht sie, was ihre Eingebung ihr vorgibt. Doch auch dieser Schritt geht ihr noch nicht weit genug. Sie beginnt, sich in die Politik
einzumischen. So wie ihre Visionen es diktieren, weist sie die gekrönten Häupter und den Klerus auf den rechten Weg hin. Keine Frage, dass dies sie zwar
berühmt werden lässt, aber nicht unbedingt beliebt. Wenn Hildegard sich eine Kritik der Kirchenmänner wie diese erlaubt, muss sie eine wahrhaft starke Kraft
in sich fühlen: “.....Ihr müsstet die starken Eckpfeiler sein, die die Kirche stützen wie die Eckpfeiler, welche die Grenzen der Erde tragen. Allein ihr seid zu Boden
geworfen und seid kein Halt für die Kirche, sondern flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderen Eitelkeiten
unterweist ihr eure Untergebenen nicht.....”.Hildegard von Bingen lebt die visionäre Suche nach der umfassenden Ordnung der Welt. Und was sie findet,
lässt sie die Welt verändern soweit es ihr möglich ist. Unnachgiebig, zielstrebig, mit zäher Geduld und durch den steten Dialog mit Gott gestärkt, bewegt sie die
Dinge und beginnt, die Wahrheit des Einsseins mit Gott und der Welt zu fühlen.
6. Der Aufbruch zu Freiheit und Bindung
Am Ende seines Lebens gerät der große Reformator Dr. Martin Luther einmal
mehr in Zweifel über das, was er unter Glauben verstehen soll. Er hat seine Leben lang die heilige Schrift studiert. Er hat das Menschenmögliche versucht,
um zu verstehen. Um zu begreifen, was der Sinn des Ganzen ist. Damals als er auf der Wanderung schon fast glaubte, am Ende seines Lebens angelangt zu
sein. Wie hat er da ahnen sollen, welche Zweifel, welche seelische Not und welchen Kampf er aushalten würde? Unbedacht, der Macht Gottes kaum
bewusst war er als Student unterwegs auf Wanderschaft gewesen. Als Sohn einfacher Leute war er stolz, die Wissenschaften zu erobern. Denken, studieren
und den einen oder anderen Dukaten verdienen wollte er. Und auch beim ersten Regentropfen noch mutig, schien ihn nichts aufzuhalten. Der Regen wurde stärker
und aus dem Nichts bricht plötzlich ein Gewitter los. Dann: ein Blitz schlägt krachend neben ihm ein und das Erschrecken erreicht sein Innerstes. Er betet,
fleht zu Gott, ihn zu verschonen. Und verspricht, was seinen Weg verändern wird: er spürt dass dies ein Hinweis ist, zum Mönch zu werden. Er hat sein
Versprechen gehalten. Er hat sich auf den Weg gemacht und er hat studiert. Die Bibel hat er studiert. Jedes Wort. Jeden Satz. Genau. Und hat versucht, zu
verstehen, was das Evangelium bedeutet. Durchschnittlich 1800 Druckseiten pro Jahr wird seine Suche im Laufe seines Lebens gefüllt haben. Er wird sich
auseinandergesetzt haben mit seiner tiefen inneren Furcht vor dem jüngsten Gericht. So wie es die mittelalterliche Schultheologie ihn gelehrt hatte. Um ihn
herum ist die Kirche allgegenwärtig gewesen. Die reich ausgestatteten Gotteshäuser waren übervoll mit Altären, biblischen Darstellungen und Heiligenbildern. Der Ablasshandel erreichte seinen Höhepunkt und die
Hexenjagd ihr schlimmes Anfangsstadium. Im Jahr 1520 nannte Friedrich der Weise 19013 Reliquien sein Eigen, Ablass für zwei Millionen Jahre. Mittendrin er
als Mönch Martin Luther, der schnell zum Gelehrten aufstieg, zum Doktor der Theologie und Magister der Bibelauslegung wurde. In tiefer Frömmigkeit suchte
er nach einem gnädigen Gott, ist von der brennenden Leidenschaft für die Frage nach dem ewigen Heil getrieben gewesen. Doch erst nach vielen durchlesenen
Nächten fand er im Paulusbrief an die Römer die erste erlösende Antwort auf die Frage, wie die er selbst und alle Christen vor der ewigen Verdammnis gerettet
werden können: Der Mensch kann sich das Wohlgefallen Gottes nicht verdienen. Gott sieht ihn für recht an, wenn er sich Christus anvertraut, der durch seinen Tod
die Trennung des Menschen von Gott aufgehoben hat. Er formulierte die Glaubensformel: “Die Christum recht verstehen, die wird keine Menschensatzung
gefangen nehmen können, sie sind frei, nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Gewissen.” Luther ahnte immer, dass seine Suche der Freiheit des
Glaubens gilt und dem Evangelium. Sie sind seine Sehnsucht. Ihnen fühlt er sich auch kurz vor seinem Tod noch verpflichtet. Während er die Welt um ihn herum,
den Ablasshandel und das Treiben des Klerus angeklagt hat, baute er auf die Wahrheit, dass diese Verfehlung nicht sein kann, wozu die Christenheit durch
das Evangelium bestimmt ist. Langsam reifte die Wahrheit in seinem Kopf zu einer tiefgreifenden Erkenntnis. “Der Glaube ist nichts anderes, denn das Rechte
wahrhaftige Leben in Gott selbst.... Die Schrift recht zu verstehen, dazu gehört der Geist Christi.” Seine Sätze, die für den Theologen selbst nichts als den
wahren Kern des Evangeliums neu entdecken helfen sollten, erreichten wie ein Lauffeuer die Massen. Die, denen die Knechtschaft der alten Glaubenswelt
schon lange keinen Sinn mehr machte. Die Versuche, Luther zum Schweigen zu bringen, schlugen fehl. Zu groß war die Kraft der Erneuerung, zu lange hatten die
Menschen sich mit den Glaubensfesseln der Kirche herumgeplagt. Fromm sein und gleichzeitig frei, das war, worauf Hunderttausende gewartet hatten. Die
Lutherbibel, das Wort Gottes, lesbar gemacht und durch die gerade erfundene Buchdruckerkunst verbreitet, ermöglichte es, sich selbst auf die Suche zu
machen. Eigenständig der Sehnsucht nach Antworten nachzugehen. Und nicht nur darum ging es, sondern auch um das Gefühl, auf eine neue gleichwertige
Stufe als Gläubige gestellt worden zu sein. “Was Christum nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenn´s gleich Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt was
Christum lehret, das ist apostolisch, wenn´s gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte. ”Damit erklärte er den Christenstand ob geistlich oder weltlich für
mündig. Das Gewissen des Einzelnen sollte entscheiden, wie Glauben sich im täglichen Handeln bewährt. Christen nicht mehr als Mündel der Kirche, sondern
von ihr durch das Wort unterrichtet. All das ließ ihm Handwerker und Bauern zuströmen. Das Feuer der Erneuerung wurde entfacht. Ein Sturm tobte durch
Europa. Die alten Mächte boten alles auf, um die alte Glaubensordnung zu bewahren. Die Erneuerer verstiegen sich jedoch im Bildersturm. Nichts von dem
alten Prunk und Pomp, den Zeichen klerikaler Macht sollte übrig bleiben. Die Wut der Zerstörung erschreckte auch Luther. Der blinde Hass war nicht, was er
gemeint hat. Zorn sei eine falsch gezogene Konsequenz, erklärte er. Der Reformator wollte erneuern, von innen, wie viele vor ihm auch. Er wollte die
Spaltung nicht. Er wollte das Christliche im Christentum wiederherstellen. Die Lehre des Reformators Martin Luther drang durch alle menschlichen Sicherungen
und durch den Gnadenapparat der Kirche bis auf den Grund der Religion. Radikaler als alle Erneuerungsgedanken seiner Zeitgenossen. Er wird nicht nur
eine Kirche erneuert und gespalten, sondern das Gesicht der Welt verändert haben. Hat seine Sehnsucht ihn auf den rechten Weg geführt? Martin Luther
setzte die Freiheit des einzelnen Christen gegen die Macht von Kaiser, Reich und Papst und hob die christliche Religion damit auf eine neue Stufe in ihrer Geschichte. Die Folge war der größte und umfassendste
Säkularisierungsprozess, der jemals in der Geschichte des Christentums stattgefunden hat. Die göttliche Anderswelt, der methaphysische Himmel ist
seitdem eingestürzt. Zum ersten Mal in der Geschichte steht der Mensch sich deshalb heute überall nur noch selbst gegenüber und lebt sogar manchmal in
seiner Welt, als ob es Gott nicht gäbe. Niemand scheint sich mehr vor Gott zu fürchten, die Leere macht stattdessen unruhig. Wir fragen heute nicht mehr wie
Luther nach dem gerechten Gott, wir fragen: Wo ist Gott? Durch die Betrachtung der lebenslangen Sehnsucht Martin Luthers kann der Suchende den unverstellten
Blick auf das Evangelium, das Streben nach der unmittelbaren Erfahrung Gottes und der persönlichen Heilserfahrung jedoch erkennen.
7. Die Weisheit des inneren Friedens
Wenn heute die Welt für den Einzelnen so undurchschaubar geworden ist, dann
vor allem deshalb, weil es nicht mehr gelingt, sie aus einem inneren Frieden heraus zu betrachten. Die Zahl derer, die Meister darin sein wollen, Wege zu
innerem Frieden zu zeigen, ist groß. Die Zahl derer, die glaubhafte Beispiele sind, ist wesentlich kleiner. Denn vielfach verstehen es die Vielen nur, die
Sehnsucht nach den Antworten geschickt zu vermarkten. Augustinus von Hippo – Vater der abendländischen Glaubenswelt – ist auf der Suche nach den Rätseln
des Daseins zu tiefen, grundlegenden mystischen Erkenntnis vorgedrungen. Er ist dadurch für alle 50 nachfolgenden Generationen suchender Christen eine dauerhafte Quelle der Wahrheit geworden.
Augustinus formuliert im 4. Jahrhundert die Essenz der spirituellen Sehnsucht und menschlichen Suche nach Gott. Sein Denken bewirkt, dass von nun an der
Blick nach innen im christlichen Glauben Vorrang bekommt vor der äußeren Wirklichkeit. Durch ihn wird die Tradition christlicher Mystik mitbegründet. Seine
Erfahrungen sind Grundlage für alle, die für ihre Suche den Weg der christlichen Mystik wählen.
“....Und erhoben unsere Seelen mit wachsend heißer Glut zum ewigen Selbst.
Durchschritten dann Stufe um Stufe die ganze Welt und selbst den Himmel. So kamen wir in unsere Seele. Doch wir durchschritten diese auch. Dass wir mit
unserem Geiste rührten an das Land der ewigen Wahrheit, wo Leben Weisheit ist. Und jene Weisheit, durch die da alles ist, was ist und war und sein wird, sie
selbst aber wird nicht, sondern ist so wie sie war und ewig sein wird. Da in ihr kein Vergehen ist und kein Werden. Denn sie ist ewig. Und da wir also davon
sprachen und danach verlangten, berührten wir das Ewige leise und wie mit einem vollen Schlag des Herzens.”
8. Der Weg zur spiritueller Vollkommenheit
Mystik ist heute ein inflationär gebrauchter Begriff. Er meint im Ursprung die spirituelle Nähe, die tiefe Verbundenheit und das Einssein mit Gott.
Juan de la Cruz, ein seit 1926 zum Doctor Mysticus, zum Kirchenlehrer erklärter spanischer Heiliger, ist eine weitere Gestalt, von der moderne Suchende tiefgreifende Glaubenserkenntnisse erfahren können.
Bei uns als Johannes vom Kreuz bekannt, bezeugt der Karmeliter in der breiten mystischen Tradition des Christentums den einsamen und beschwerlichen Weg
der Gottsuche. Dieser Weg beginnt im 15. Jahrhundert mit einer schwierigen Kindheit, in der Entbehrung und Armut das tägliche Dasein bestimmen. Auf der
Suche nach dem nächsten Krümel Brot durchquert er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern das sonnenverbrannte Land um Toledo. Erst nach vielen
Jahren der Wanderschaft findet die Familie Unterkunft und Auskommen in Medina del Campo. Im Waisenhaus erhält Juan den ersten Unterricht. Nach
einigen Versuchen als Schreiner, Schneider, Bildschnitzer und Maler wendet er sich der Aufgabe zu, Kranke zu pflegen. Die Förderung durch den Direktor des
Hospitals ermöglicht ihm dann die erste Ausbildung in einem Jesuiten-Kolleg. Aus Armut und Entbehrung seiner Jugend erklärt sich das “Nichts” seiner
späteren Lehre, lässt deutlich werden, warum er von der “dunklen Nacht der Seele” sprechen wird. Sein Lebensweg ist der Schlüssel zu seinem Werk. Juan
entscheidet sich unter den vielen Orden, die es in dieser Zeit gibt, in Medina del Campo für den Karmeliterorden. “Das Härtere zu wählen und sich
zurückzuziehen” entspricht von Jugend an seinem Ideal. “Sei deshalb besorgt, dich nicht zum Leichteren hinzuwenden, sondern zum Schwierigen; nicht zu sehr
zum Geschmackvolleren, sondern zum Bitteren..... Nicht an das, was dir Ruhe schenkt, sondern was arbeitsreicher ist... Und wünsche einzutreten in die
Nackheit, den Mangel und die Armut für Christus, was immer die Welt dir anbietet....willst du dorthin gelangen, wo du alles besitzt, musst du nichts besitzen
wollen.” Juan tritt mit 21 Jahren in den Karmel von Medina del Campo ein, bekommt danach seine weitere Ausbildung in Salamanca und erwirb dort profundes Wissen der Heiligen Schrift und der theologischen und
philosophischen Prinzipien, auf denen katholische Spiritualität fußt. Man beginnt, ihn zu bewundern für sein zurückgezogenes Leben und seine eifrige Hingabe an
das Studium. Er begegnet in dieser Zeit Teresa von Avila, die gerade ihren eigenen Karmeliterorden zu reformieren versucht. Sie findet das Ordensleben ihrer Mitschwestern lau und ohne den notwendigen Ordensgeist
dahinplätschernd. Tatsächlich ist es fast unmöglich, die Disziplin in der Gemeinschaft der an die 300 Nonnen im Konvent aufrecht zu erhalten. Teresa
will eine neue Struktur. Sie setzt gegen die Vorwürfe der Zurückgebliebenen durch, dass sie mit nur 12 Schwestern eine kleine Gemeinschaft bilden kann. Sie
trifft Juan de la Cruz als er sich für ein völliges zurückgezogenes und kontemplatives Leben in einer Kartause entscheiden will. Teresa von Avila, eine
energische, willensstarke Frau überzeugt ihn jedoch, sie stattdessen durch die Gründung eines ebenfalls reformierten männlichen Ordenszweiges zu
unterstützen. Am 28. November 1568 beginnt für Juan de la Cruz das Leben im ersten reformierten Männerkloster des Karmel. Er und seine Mitbrüder werden sich “unbeschuhte Karmeliter” nennen und sich einer streng
eremitisch-kontemplativen Ordnung, körperlicher Arbeit, kollektiver Einsamkeit und innerlichem Gebet verpflichtet fühlen. Während der nichtreformierte Teil des
Ordens Sturm lief gegen das Einsiedlertum der unbeschuhten Mitbrüder, erfreute sich die kleine armselige Bauernhütte, das neugegründete Kloster, bei der
Bevölkerung wachsender Beliebtheit. Juan de la Cruz sieht nun seine Aufgabe in der Unterweisung derer, die auf der Suche nach Gott sind. Es sind Bauern und
Tagelöhner, aber auch Novizen und Postulanten. Die Padres können sich durch die Zuwendungen der Bevölkerung ernähren. Johannes wird Beichtvater der
Schwestern in Avila und erweitert seine Kenntnisse der christlichen Literatur. Die Zukunft des Neubeginns sieht viel versprechend aus. Doch im Dezember 1577
verschleppen die Mitbrüder des alten Ordens ihn und kerkern ihn im Klostergefängnis in Toledo ein. Neun Monate wird er ausharren einem fensterlosen Raum, ohne einmal die Kleidung wechseln oder frische Luft zu
atmen. Erst dann gelingt es ihm, zu fliehen. Seine Seele durchlebt während der Gefangenschaft eine dunkle Nacht. “La noche oscura del alma”. Es wird eine
Nacht der Reinigung für Juan de la Cruz. Die Einsamkeit und das Gefühl des aussichtslos Verlorenseins lässt ihn die Dunkelheit begreifen, durch die die
Seele wandern muss, um das innere Licht zu erreichen. Das Gedicht “Dunkle Nacht der Seele” wird Menschen Jahrhunderte später noch ergreifen. Die
Erfahrung dieser Gefangenschaft wird nicht die einzige Art der Bestrafung bleiben, die er durch seinen eigenen Orden erfährt. Er lässt sich dennoch nicht
davon abbringen, Askese und Abgeschiedenheit zu seinem Weg zu wählen. Der Mönch will leben, was er in seinem Werk “subida al monte carmelo”, dem
Aufstieg zum Berg des Karmel beschreiben wird. Er landet nach seiner Gefangenschaft in Andalusien und es beginnt ein Leben der Wanderschaft, in
dem er rastlos bleibt. Während er unermüdlich seine Aufgaben als Lehrer erfüllt, werden die Liebe zur Natur, und die Zurückgezogenheit zu seinen Weggefährten
und zur Inspiration. Noch kurz vor seinem Tod versucht man zu verhindern, dass seine Reformgedanken sich durchsetzen und droht ihm mit dem Entzug aller
Würden. Sein Werk ist jedoch entstanden und wird die Jahrhunderte überdauern. Es gelingt ihm, das Wesen der menschliche Seele so tief zu ergründen, dass
sich heute jeder, der seine Texte ließt, gläubig oder nicht, darin mit seinen Fragen gespiegelt sieht. Die Entscheidung seinen Weg in der
asketisch-mystischen Tradition zu gehen hat Juan de la Cruz wahrscheinlich den Autoren zu verdanken, die er studiert. Die Theologie eines Thomas von Aquin,
Klemens von Alexandriens, Augustinus, Gregor von Nyssa, Bonaventuras u.a.m. haben seine Suche geprägt. Auch arabische Autoren wie Ibn Abbad und Ibn
Arabi gehören dazu. Aber er sagt über seine eigenen mystischen Erfahrungen. “Weder der Erfahrung noch der Wissenschaft werde ich mich anvertrauen... und
mehr als ihre Hilfe nicht zulassen, sondern mich in allem der Heiligen Schrift bedienen... denn in ihr spricht der Heilige Geist.”
Sein Ziel ist der höchste Gipfel mystischer Erfahrung, den er “Berg Karmel”
nennt. Und er beschreibt den Aufstieg in der ganzen Realität des tatsächlich Gesehenen und Erfahrenen. Der Weg ist, das wonach der moderne spirituell
Suchende fragt. Und darin liegt die Antwort, die Juan de la Cruz geben kann. Er verdichtet in seiner Mystik die Beschreibung des Voranschreitens auf dem
spirituellen Weg in Symbolen und Metaphern, Allegorien und Bildern. Sie öffnen dem Leser die übersinnliche Erfahrungswelt des spanischen Heiligen. Es ist eine
mystagogische Anleitung zur Gottsuche. Juan de la Cruz hat nichts anderes zum Ziel, als fähig zu werden, die reine, durch asketische Mühen erreichte Liebe und
Nähe zu Gott zu erleben. Das wichtigste Symbol seiner Lyrik ist die Nacht. Sie steht für den abendlichen Auszug des Menschen aus den Anhänglichkeiten an
diese Welt. Er muss sich allen Besitzes, aller Hilfen und Gefolgschaft entledigen. Nur so, aller Dinge beraubt, mit einem freien Herzen, kann er Liebe aufnehmen.
Eine Orientierung in der dunklen Nacht ist das Glaubenslicht, das den Weg erkennen lässt. Im “Nada”, im Nichts, wenn alles losgelassen ist, kann die Seele in die mystische Dimension vordringen.
“Wir nennen diese Entblößung von den Sinnen “Nacht für die Seele”, weil es sich hier nicht darum handelt, frei von Dingen zu werden, .... sondern der Geschmack
und die Begierde nach ihnen soll genommen werden. Der bewusste Verzicht allein macht die Seele frei und leer, auch wenn sie vieles besitzt. Nicht die Dinge
dieser Welt bemächtigen sich der Seele, noch schaden sie ihr, da sie ja nicht in sie eindringen können, sondern der Wille, sie zu begehren schadet der Seele.”
Der mühsame Weg des “An-sich-Arbeitens” in diesem Sinn erfordert schmerzhafte Ablösungsprozesse. Mit gefühlsmäßiger Schwärmerei hat Juan de
la Cruz´ Mystik also nichts zu tun. Je deutlicher der Suchende seinen freien Willen erkennt, desto heller wird die Nacht um seine Seele. Und jedes Mehr an
Helligkeit lässt ihn weiter an sich arbeiten und voranschreiten auf dem mystischen Erkenntnisweg. Durch alle Stufen der Reinigung, Läuterung und der
Rückschläge hindurch, nach langen Mühen also, kann die Transzendenz, die Umwandlung des menschlichen Geistes erreicht werden. Dann wirkt Gott und er
erfüllt jede Faser der Seele und des ganzen Menschen. Das nennt der Mystiker das innere Licht. Der Weg der mystischen Vollkommenheit ist wenigen
vorbehalten. Der Doctor Mysticus erklärt: “Nicht Gott will es, dass so wenige, die aus diesem Geist heraus leben, erhört werden; er möchte alle vollkommen
sehen. Nur findet Er wenige Gefäße, die einer solch kraftvollen und intensiven Bearbeitung standhalten. Schon nach wenigen Prüfungen sind sie schwach, so
dass sie dann der Anstrengung entfliehen, da sie weder Entbehrung noch Abtötung erdulden wollen...” Wenn auch der authentische Weg des Heiligen nicht
für jeden nachvollziehbar ist, seine Worte begeistern dennoch den Leser. Aus der Tiefe seiner Erfahrung entspringt eine Dichtung, durch die der Mönch von
seiner grenzenlosen, metaphysischen Liebe zu Gott spricht. Seine Werke werden häufig als “die beste lyrische Dichtung, die es in kastilischer Sprache gibt” bezeichnet.
“In seinem Werk ist die Liebe zwischen dem unendlichen Gott und dem sehnsüchtigen Menschen leidenschaftlich und zärtlich in ihrer ganzen Tiefe erzählt, erfühlt und besungen.” (Johannes Boldt)
9. Schluss
Der jüdisch-christliche Glaube als Frage des Einzelnen nach Gott hat viele
Sprachen gefunden. Bis hin zu den großen Werken abendländischer Kunst, Architektur, Malerei, Musik, Literatur. Vieles ist in der vielfältigen Spiritualität
dieser Tradition auch heute noch tragfähig. Im Übergang zu einem neuen Jahrtausend kann sich christliche Spiritualität frei machen von jeder Verbindung
zur Macht, von Zwang und Drohung, um die befreienden Elemente einer alten Erfahrung neu zu erproben. Die unheimliche religiöse Sehnsucht in zahlreichen
spirituellen Aufbrüchen unserer Zeit lässt vermuten, dass die Glut unter Asche der alten Religionen noch nicht erloschen ist.